Was würde passieren, wenn Bitcoin nur noch einen Euro-Cent wert wäre?
Und was, wenn eine einzelne Person – theoretisch – beginnen würde, nahezu alle verfügbaren Bitcoin aufzukaufen, sagen wir 15.000.000 Stück? Könnte jemand damit den größten Teil des knappsten digitalen Gutes der Welt kontrollieren? Und wie würden Markt, Miner und Preis darauf reagieren?
Dieses Gedankenexperiment wirkt auf den ersten Blick simpel – entpuppt sich aber bei genauer Betrachtung als eindrucksvoller Beweis dafür, warum Bitcoin selbst in extremen Szenarien nicht trivial zu „übernehmen“ ist.
Bitcoin als radikal begrenztes Gut
Bitcoin ist auf maximal 21 Millionen Coins limitiert. Diese Obergrenze ist im Code verankert und kann nicht einseitig geändert werden. Anders als bei Fiatgeld oder Aktien existiert keine Möglichkeit, das Angebot auszuweiten, um Nachfrage zu befriedigen.
Genau diese Knappheit ist der Kern des Bitcoin-Narrativs – und der Grund, warum ein Preis von 0,01 Euro kein stabiler Zustand sein kann, sobald reale Nachfrage auftritt.
Der theoretische Startpunkt: Bitcoin bei 0,01 Euro
Ein Bitcoin-Preis von einem Cent würde bedeuten:
- massiver Vertrauensverlust,
- geringe Liquidität,
- kaum aktive Käufer,
- wirtschaftlich totes Mining.
Doch selbst in diesem extremen Szenario gilt: Der Preis ist das Ergebnis des letzten Handels, nicht der innere Wert des Netzwerks.
Sobald ein Akteur beginnt, systematisch Bitcoin aufzukaufen, verändert sich der Markt augenblicklich.
Warum man Bitcoin nicht linear aufkaufen kann
Die naive Rechnung:
15.000.000 × 0,01 € = 150.000 €
ist ökonomisch falsch.
Märkte funktionieren nicht linear, sondern über Grenzpreise. Jeder gekaufte Bitcoin reduziert das verfügbare Angebot. Jeder Verkäufer nach dir weiß, dass Bitcoin knapper wird – und erhöht seine Preisforderung.
Historische Daten zeigen:
- Bereits geringe Angebotsverknappungen führten bei Bitcoin zu exponentiellen Preisbewegungen
- In früheren Zyklen reichten relativ kleine Kapitalzuflüsse, um den Preis um Größenordnungen zu bewegen
Bitcoin reagiert nicht wie eine Ware mit elastischem Angebot – sondern wie ein absolut begrenztes Sammlergut.
Logische Preisdynamik beim Aufkauf
Selbst bei einem vorsichtigen, stufenweisen Preismodell würde sich der Preis etwa so entwickeln:
- Erste Millionen Bitcoin: Cent- bis Euro-Bereich
- Mittlere Phase: zweistellige bis dreistellige Europreise
- Späte Phase: vier- bis fünfstellige Preise pro Coin
Der entscheidende Punkt:
👉 Der 15.000.000ste Bitcoin wäre nicht mehr „billig“, sondern extrem teuer.
Eine konservative, logisch begründete Spanne für den letzten Bitcoin läge – selbst bei Start bei 0,01 € – bei 30.000 bis 100.000 Euro oder mehr. Nicht, weil Bitcoin „magisch“ ist, sondern weil Märkte Knappheit erzwingen.
Die große Utopie: Warum diese Akkumulation faktisch unmöglich ist
Und jetzt kommt der wichtigste Teil des Gedankenexperiments:
Selbst wenn Bitcoin 0,01 € kosten würde – du könntest diese Menge nicht kaufen.
Warum?
-
Liquidität existiert nicht
Ein Großteil der Bitcoin:
- liegt auf verlorenen Wallets,
- wird langfristig gehalten,
- ist ideologisch gebunden,
- oder schlicht nicht verkaufsbereit.
Der tatsächlich verfügbare Markt ist viel kleiner, als die Gesamtzahl vermuten lässt.
-
Verkäufer verschwinden, wenn der Preis steigt
Je stärker du kaufst, desto mehr Halter denken:
„Warum verkaufen, wenn der Preis offensichtlich steigen wird?“
Das Angebot trocknet aus – nicht wegen Mangels an Bitcoin, sondern wegen Mangels an Verkaufsbereitschaft.
-
Front-Runner und Spekulanten steigen ein
Andere Marktteilnehmer würden:
- vor dir kaufen,
- auf steigende Preise wetten,
- Bitcoin horten statt verkaufen.
Du wärst nicht allein – du würdest eine Kaufwelle auslösen, die du nicht kontrollieren kannst.
-
Psychologie schlägt Mathematik
Ein Preis von 0,01 € würde medial als „Ende von Bitcoin“ verkauft.
Ein aggressiver Großkäufer würde genau dieses Narrativ zerstören.
Der Markt reagiert nicht rational-linear, sondern narrativ-getrieben.
Miner, Netzwerk und Selbststabilisierung
Bei 0,01 € wäre Mining zunächst unrentabel. Viele Miner würden abschalten, die Hashrate sinkt. Doch Bitcoin passt sich an:
- Difficulty sinkt
- Mining wird leichter
- Netzwerk bleibt funktionsfähig
Sobald der Preis steigt – was durch massive Nachfrage unausweichlich wäre – kehren Miner zurück. Mining folgt immer dem ökonomischen Anreiz.
Besitz ist nicht Kontrolle
Selbst wenn es gelänge, einen extrem großen Teil aller Bitcoin zu besitzen:
- Du kontrollierst nicht das Protokoll
- Du kontrollierst nicht die Regeln
- Du kontrollierst nicht das Netzwerk
Bitcoin ist kein Unternehmen und kein Staat. Ökonomische Macht bedeutet nicht technische Souveränität.
Fazit: Das Gedankenexperiment beweist das Gegenteil der Annahme
Die Idee, bei 0,01 € „alle Bitcoin aufzukaufen“, wirkt verführerisch – ist aber genau deshalb aufschlussreich.
Sie zeigt:
- Warum Bitcoin-Preise nicht dauerhaft extrem niedrig sein können
- Warum Knappheit stärker ist als Kapital
- Warum Märkte nicht erlauben, dass ein einzelner Akteur das gesamte Angebot absorbiert
- Warum Bitcoin selbst in Krisenszenarien strukturell widerstandsfähig bleibt
💡 Die eigentliche Erkenntnis lautet:
Ein Bitcoin-Preis von 0,01 € wäre kein Schnäppchen – sondern ein instabiler Übergangszustand. Und genau deshalb wäre es nahezu unmöglich, in diesem Moment „alles“ zu kaufen.